• Hannah Bröcker

Bewegungsvorstellung

Unter dem Begriff Bewegungsvorstellung (Motor Imagery, MI) versteht man das Durchführen bestimmter motorischer Aufgaben im Kopf, ohne dass es tatsächlich zu einer Bewegung kommt. Man ruft dazu Wahrnehmungen aus dem Gedächtnis ab. (1,2)

Die Bewegungsvorstellung wird zum mentalen Training, wenn die Technik gut beherrscht und durch das intensive Vorstellen eines Bewegungsablaufs die Bewegungsausführung positiv beeinflusst wird.(2) Ein bekanntes Beispiel dafür sind Ski-, Bob oder Schlittenfahrer/innen, die vor ihrem Rennen den Parcours mental abfahren. Im Sport nutzt man Bewegungsvorstellung, um neue Bewegungen zu lernen, bekannte Bewegungen zu verbessern oder Angst bzw. Nervosität abzubauen.(3)

Obwohl sich beim Training mit Bewegungsvorstellung alles nur im Kopf abspielt, lassen sich dadurch messbare positive Effekte auf mehreren Ebenen erzielen. Interessanterweise kann unser Gehirn wohl nicht unterscheiden, ob man sich eine Bewegung nur vorstellt, sie wirklich ausübt oder jemanden dabei beobachtet. Studien zeigen, dass regelmässiges mentales Training durch Bewegungsvorstellung sogar Faktoren wie grobe Muskelkraft(4), Sprintschnelligkeit(5) und Ausdauer(6) verbessern kann. Besonders in Kombination mit körperlichem Training scheint das mentale Training noch effektiver zu wirken.(4) Es ist ausserdem nützlich, wenn körperliches Training durch Verletzungen, Wetterbedingungen oder Pandemien nicht möglich ist.



Die Effekte der Bewegungsvorstellung

a) Nervensystem:

Bei der mentalen Vorstellung einer Bewegung werden im Gehirn dieselben Neurone innerhalb jener Gehirngebiete aktiviert, die für die Vorbereitung zur tatsächlichen Ausführung des motorischen Befehls verantwortlich sind: primärer motorischer Kortex, prämotorischer Kortex, Basalganglien, Kleinhirn, parietaler und präfrontaler Kortex. Wenn die Bewegungsvorstellung häufig wiederholt wird, kommt es zu einer Adaptation der Neurone im Motorkortex durch eine verbesserte motorische Repräsentation der Bewegung im Gehirn.(7) Zudem nimmt man an, dass die Verbesserung des neuronalen Ausgangssignals zu einer höheren Aktivität der Muskeln führt.(8)


b) Muskeln:

Durch Bewegungsvorstellung kommt es zu einer muskulären Anspannung (EMG-Aktivität) der betroffenen Muskeln.(9) In Studien zeigten sowohl distale als auch proximale Muskeln der oberen und unteren Extremitäten am Ende eines planmässigen mentalen Trainingsprogramms eine höhere willentliche Kontraktionsfähigkeit.(10) Da kein struktureller Zuwachs der Muskeln nach-gewiesen werden konnte, erklärt man sich diesen Effekt durch eine gesteigerte Aktivität der motorischen Einheiten und damit auch einer gesteigerten Feuerungsfrequenz.(9)


c) Herz-Kreislaufsystem:

Blutdruck, Puls und Atmung können durch Bewegungsvorstellung beeinflusst werden, auch wenn keine Bewegung oder tatsächliche Muskelkontraktion stattfindet. Die Mechanismen hierfür sind bislang unbekannt. Man nimmt an, dass das Vegetative Nervensystem und die Aktivierung des Kortex zu einem Anstieg der sympathischen Efferenzen und gleichzeitig zu einer reziproken Hemmung von parasympathischen Aktivitäten führen.(11)




Nutzen in der Rehabilitation


Gerade nach Verletzungen bzw. Operationen scheint die neuronale Reorganisation eine wichtige Rolle für die motorische Erholung zu spielen. Man geht davon aus, dass Kraftverluste durch Nichtgebrauch vor allem mit neuronalen Faktoren zusammenhängen.(12) Das Anwenden von Bewegungsvorstellung hat sich in Studien v.a. in Bezug auf Kraftverlust und willentlicher Muskelansteuerung als effektiv erwiesen.(13) So konnten Interventionsprogramme mit Bewegungsvorstellung z.B. die Handgelenkskraft der Flexoren/Extensoren bei kurzfristiger Immobilisation(14) und die Beweglichkeit des Hüftgelenks(15) von Probanden verbessern. Ausserdem führte ein Bewegungsvorstellungstraining bei Patienten nach vorderer Kreuzbandruptur zu verbesserten motorischen Funktionen sowie weniger Angst vor Schmerz und einer erneuten Verletzung.(1) Andere mentale Techniken wie Entspannung, Zielsetzung, positives Selbstgespräch und Visualisierung der Heilung waren ebenfalls hilfreich für eine schnellere Erholung.(8)

Bewegungsvorstellung kann vor allem im frühen Stadium der Rehabilitation sinnvoll eingesetzt werden, wenn aktive und passive Mobilisation nur eingeschränkt möglich ist. Das Training des neuronalen Netzwerks wirkt sich durch bessere Muskelansteuerung positiv auf die Qualität der realen Bewegung aus. Durch die Vorstellung einer Bewegung kann man Patienten an eine neue Aktivität hinführen und die Angst vor der wirklichen Ausführung reduzieren. Zudem können Schmerzen verringert und die Selbstwirksamkeit gestärkt werden. Die Motivation und Freude beim Training kann z.B. durch das Vorstellen von sportspezifischen Situationen, die sich die Trainierenden selber aussuchen, gefördert werden.(8,16,17)



Grundlegendes zur Technik


Beim Bewegungsvorstellungstraining gibt es grundlegend zwei Wahrnehmungsarten(5,16):


Visuell (extern): Beobachtung von aussen der eigenen oder einer anderen Person

Kinästhetisch (intern): Vorstellung innerhalb des Körpers und wie sich Bewegung anfühlt


Für die Rehabilitation wird eher die kinästhetische Wahrnehmungsform empfohlen.(1)

Das Vorstellen von Bewegungen ist anfangs schwer und benötigt viel Übung. Deshalb ist es wichtig, dass es gut angeleitet wird. Ausserdem sollten möglichst viele Sinneswahrnehmungen (visuell, akustisch, olfaktorisch, haptisch, kinästhetisch) integriert werden, um die Vorstellung so realistisch wie möglich zu gestalten. Je lebhafter, desto besser.(3)


Folgende Anleitung wäre ein Beispiel für die Quadrizeps-Aktivierung bei Patienten nach vorderer Kreuzbandrekonstruktion:

«Setze dich aufrecht auf einen Stuhl und schliesse die Augen. Nimm ein paar tiefe Atemzüge ein. Stell dir nun vor, du sitzt auf der Leg Extension Maschine im Fitnessstudio. Spüre den Hebel am Schienbein und beobachte vor deinem inneren Auge nun folgende Bewegung an deinem verletzten Bein: stell dir vor, dass du den Hebel langsam bis ganz nach oben in die volle Streckung drückst, dort kurz anhältst und dann langsam und kontrolliert wieder in die Ausgangsposition zurückkehrst. Der Widerstand ist dabei sehr gross und du musst die Muskeln der Oberschenkelvorderseite sehr stark anstrengen. Versuch, genau das zu sehen und zu empfinden, als ob du die Übung tatsächlich ausführen würdest, ohne die Muskeln dabei tatsächlich anzuspannen. Wiederhole die Bewegung insgesamt 10 Mal mit je 10 Sekunden Pause zwischen den Wiederholungen. Absolviere insgesamt 3 Sätze mit 2 Minuten Pause zwischen den Sätzen.» 

Bei Anfängern kann man anstatt einer dynamischen Bewegung auch mit einer isometrischen Kontraktion (5-10 Sekunden) beginnen. Die Parameter aus meinem Beispiel sind angelehnt an die Studie von Lebon et al.(1)


Praktische Tipps:

  • Die Geschwindigkeit der mentalen Ausführung sollte gleich wie bei der realen Ausführung sein.(17)

  • Mehr = mehr: Eine hohe Anstrengung bei der mentalen Aktivität zeigt stärkere Effekte auf allen Ebenen.(5)

  • Mentales Training ist umso effektiver, je detailgetreuer und lebhafter die Vorstellung ist.(16)

  • Entspannungstechniken wie z.B. Atemübungen sind vor allem zu Beginn des Trainings sinnvoll, um die Konzentration zu steigern.(14)

Mentales Training kann zusätzlich zum normalen körperlichen Training angewendet werden, da es keine grössere Muskelermüdung zur Folge hat. Man kann es somit auch in Pausen von Kraftübungen einbauen.(8)


Leider gibt es in diesem Bereich erst wenige Studien, sodass man noch nichts über die beste Art und Weise aussagen kann, z.B. die richtige Dosierung oder das Verhältnis von physischem zu mentalem Training. In vielen Protokollen, die ich bei meiner Recherche gesehen habe, wurde 3 Mal für je 5 bis 15 Minuten pro Woche geübt. Die genauen Anleitungen für das Bewegungsvorstellungstraining sind leider oftmals nicht veröffentlicht worden oder sehr unterschiedlich.(8,18)



Zusammenfassung


Obwohl das Training mit Bewegungsvorstellung ein wertvolles Tool in der Physiotherapie sein kann, wird es bislang kaum angewendet. Besonders nützlich ist es für Patienten, die nach Verletzungen bzw. Operationen in passiver bzw. aktiver Bewegung eingeschränkt sind. Durch das Training der neuronalen Prozesse kann die Qualität der realen Bewegung verbessert sowie Angst vor und Schmerzen während der wirklichen Ausführung reduziert werden. Auch in späteren Reha-Phasen können Patienten durch mehr Motivation, Freude und Selbstwirksamkeit davon profitieren. Leider gibt es durch die aktuell eher dürftige Studienlage keine genauen Empfehlungen für die Trainingsparameter.




Literatur

1. Lebon F, Guillot A, Collet C. Increased muscle activation following motor imagery during the rehabilitation of the anterior cruciate ligament. Appl Psychophysiol Biofeedback. 2012;37(1):45-51. doi:10.1007/s10484-011-9175-9

2. Christian Dettmers, Violetta Nedelko. Mentales Training: Lernen durch Bewegungsvorstellung und -imitation. neuroreha. 2011;(1):24-31.

3. Deutscher Skiverband. DSV Rahmentrainingsplan: Mentales Training. Accessed January 6, 2021. https://rtp-alpin.deutscherskiverband.de/trainingstheorie/sportpsychologie/mentales-training/

4. Slimani M, Chéour F. Effects of cognitive training strategies on muscular force and psychological skills in healthy striking combat sports practitioners. Sport Sci Health. 2016;2(12):141-149. doi:10.1007/s11332-016-0267-z

5. Hammoudi-Nassib S, Nassib S, Chtara M, et al. Effects of Psyching-Up on Sprint Performance. J Strength Cond Res. 2017;31(8):2066-2074. doi:10.1519/JSC.0000000000000373

6. McCormick A, Meijen C, Marcora S. Psychological Determinants of Whole-Body Endurance Performance. Sports Med Auckl NZ. 2015;45(7):997-1015. doi:10.1007/s40279-015-0319-6

7. Mulder T. Motor imagery and action observation: cognitive tools for rehabilitation. J Neural Transm Vienna Austria 1996. 2007;114(10):1265-1278. doi:10.1007/s00702-007-0763-z

8. Slimani M, Tod D, Chaabene H, Miarka B, Chamari K. Effects of Mental Imagery on Muscular Strength in Healthy and Patient Participants: A Systematic Review. J Sports Sci Med. 2016;15(3):434-450.

9. Guillot A, Collet C. Contribution from neurophysiological and psychological methods to the study of motor imagery. Brain Res Brain Res Rev. 2005;50(2):387-397. doi:10.1016/j.brainresrev.2005.09.004

10. Fontani G, Migliorini S, Benocci R, Facchini A, Casini M, Corradeschi F. Effect of mental imagery on the development of skilled motor actions. Percept Mot Skills. 2007;105(3 Pt 1):803-826. doi:10.2466/pms.105.3.803-826

11. Fusi S, Cutuli D, Valente M, Bergonzi P, Porro C, Di Prampero P. Cardioventilatory responses during real or imagined walking at low speed. Arch Ital Biol. 2005;143(3-4):223-228.

12. Clark BC, Manini TM, Bolanowski SJ, Ploutz-Snyder LL. Adaptations in human neuromuscular function following prolonged unweighting: II. Neurological properties and motor imagery efficacy. J Appl Physiol Bethesda Md 1985. 2006;101(1):264-272. doi:10.1152/japplphysiol.01404.2005

13. Clark BC, Mahato NK, Nakazawa M, Law TD, Thomas JS. The power of the mind: the cortex as a critical determinant of muscle strength/weakness. J Neurophysiol. 2014;112(12):3219-3226. doi:10.1152/jn.00386.2014

14. Newsom J, Knight P, Balnave R. Use of Mental Imagery to Limit Strength Loss after Immobilization. J Sport Rehabil. 2003;12(3):249-258. doi:10.1123/jsr.12.3.249

15. Williams JG, Odley JL, Callaghan M. Motor Imagery Boosts Proprioceptive Neuromuscular Facilitation in the Attainment and Retention of Range-of -Motion at the Hip Joint. J Sports Sci Med. 2004;3(3):160-166.

16. Multhaupt G, Beuth J. The use of imagery in athletic injury rehabilitation. A systematic review. Dtsch Z Für Sportmed. 2018;2018(03):57-64. doi:10.5960/dzsm.2018.316

17. Ageberg E. Integrating Psychological Aspects in ACL Prevention and Rehabilitation.; 2020. https://www.youtube.com/watch?v=F3azmf2r-9s&ab_channel=sportfisioswiss

18. Dickstein R, Deutsch JE. Motor imagery in physical therapist practice. Phys Ther. 2007;87(7):942-953. doi:10.2522/ptj.20060331

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