• Hannah Bröcker

Das Dead-Butt-Syndrom

Sind alle Pomuskeln jetzt verstummt? – oder auch: das «Dead-Butt-Syndrom»

Übersetzung des Blogartikels «Have the butt muscles of the world gone silent?» von Dr. Greg Lehman BKin, MSc, DC, MScPT

Wie wir alle wissen, tauchen in der Medizin und Sportwissenschaft immer wieder neue Bezeichnungen für Erkrankungen bzw. Beschwerdebilder unserer modernen («Büro»-) Gesellschaft auf. Blättert man aktuelle Fitnesszeitschriften durch, so findet man Aussagen, wie «Weil wir den ganzen Tag auf unseren Pobacken sitzen, wissen diese manchmal nicht mehr für was sie eigentlich da sind wenn wir zum Joggen gehen.». Zudem wird häufig behauptet, dass eine Hemmung des M. Gluteus maximus weiterlaufend zur Abschwächung desselbigen führt.

Ihre Wurzeln haben diese Aussagen in den Haltungstheorien von Vladimir Janda. Bei dem von ihm geprägten «Lower Crossed Syndrome» sind die Hüftbeuger und Rückenstrecker verspannt, Bauchmuskeln sowohl verlängert als auch abgeschwächt und die Gesäßmuskeln ebenfalls schwach. Jedoch fehlen weder für die Annahme, dass die Gesäßmuskeln ihre eigentliche Aufgabe vergessen, noch für die oben genannte Haltungstheorie wissenschaftliche Belege.


Das grundlegende Prinzip des Dead-Butt-Syndroms ist die reziproke Hemmung. Zum Einsatz kommt dieser Prozess während einer starken Aktivierung bzw. Verkürzung der Hüftbeuger, was reflektorisch zu einer Hemmung der Gegenspieler, also den Gesäßmuskeln, führen soll. Dieser Vorgang ist besonders für das Gehen relevant. Während einige Muskeln kontrahieren, um ein Gelenk zu stabilisieren, sollten andere Muskeln nicht gleichzeitig dagegen ankämpfen, da dies sehr ineffizient wäre. Nehmen wir also an, dass die Hüftbeuger durch das stundenlange Sitzen «verkürzt» sind und dadurch eine gewisse «besondere Muskelaktivität» besitzen und dadurch die Glutäen hemmen. Nun, da gibt’s nur einen Haken - verspannte Muskeln haben keine «besondere Muskelaktivität», vor allem nicht in Ruhe oder wenn sie sich verkürzen.

Verdeutlichen lässt sich das beim Squat, bei dem sich die Hüftbeuger ja auch nicht verkürzen, sondern schlaff werden. Stattdessen hilft uns die Schwerkraft dabei, das Gesäß abzusenken. Ein verspannter Hüftbeuger kann also die Biomechanik einer Kniebeuge nicht beeinflussen.


Weiterhin scheint der Zusammenhang zwischen einer verringerten Aktivität des Gluteus maximus und dem Vorhandensein von Schmerz bzw. Verletzung laut diesen Studien nicht unterstützt zu werden:

  • Eine gehemmte bzw. verzögerte Aktivitätdes Gluteus maximus hat man ebenfalls bei Personen ohne subjektive Beschwerden gefunden (Lehman et al. 2004).

  • Übereinstimmend damit zeigten Untersuchungen eine vermehrte bzw. normale Aktivität des Gluteus maximus bei gleichzeitigem Vorhandensein von Schmerz und Verletzung, wie bspw. an der ischiocruralen Muskulatur (Emami et al. 2014) oder bei Kreuzschmerzen (Arab et al. 2011).

  • Beim «Prone Leg Lift» ist der Gluteus maximus immer verzögert (Lehman et al. 2004).

  • Bei einer prospektiven Studie im Zusammenhang mit Zerrungen der ischiocruralen Muskulatur konnte beobachtet werden, dass diejenigen mit einer verzögerten Aktivität der Ischios bei der «Prone Hip Extension» (also erst nach den lumbalen Rückenstreckern) einem 8-fach erhöhten Verletzungsrisiko ausgesetzt waren (Schuermans et al. 2017b).

(Quelle: Willy et al. 2017)

Generell sollten wir uns fragen, ob es wirklich sinnvoll ist, einen spezifischen Muskel gegenüber einem oder mehreren anderen hervorzuheben und zudem eine Pathologie zu erschaffen, wo gar keine besteht. Besonders die Glutäen werden damit wichtiger gemacht, als sie eigentlich sind. Tatsächlich benötigen wir sie nämlich kaum bzw. gar nicht für die meisten Aktivitäten des täglichen Lebens. Stattdessen brauchen wir sie vor allem für stärkere Belastungen mit starker Hüftbeugung, wie bspw. Sprinten, Klettern oder schwerem Heben. Beim Laufen oder Joggen hingegen kommt der Grossteil des totalen Stützmoments aus Sprung- und Kniegelenk (Dorn et al. 2012; Willy et al. 2017).


RF = rectus femoris, VM = vastus medialis, VL = vastus lateralis, ES = erector spinae, GM = gluteus maximus, BF = biceps femoris, ST = semitendinosus (Quelle: Yavuz and Erdag 2017)

Auch beim «Back Squat» sind die Glutäen nicht die treibende Kraft (Contreras et al. 2016). Die Art des Squats (Front, Full oder Parallel) scheint übrigens keinen Einfluss auf die Arbeitsleistung der Glutäen zu haben. Lediglich die Tiefe kann eine gewisse Rolle spielen (Caterisano et al. 2002). Beim «Back Squat» sind die drei meist beanspruchten Muskeln Mm. Vastus medialis und lateralis, sowie Erector spinae (Yavuz and Erdag 2017).


Haftungsausschluss möglicher Verzerrungen

  1. Die Glutealmuskeln können definitiv abschwächen. So wie viele andere Muskeln auch, wenn wir Schmerzen oder vorwiegend sitzende Tätigkeiten haben.

  2. Das Konzept der glutealen Inhibition aufrechtzuerhalten macht nur Sinn, wenn wir aufhören, es als Beschreibung dysfunktionaler Bewegungen der Menschen zu gebrauchen. Es ist schließlich möglich, etwas vom Boden aufzuheben und dabei ein Muskelaktivierungsmuster, welches Knie oder Rücken dominant ist, zu benutzen. Und wenn diese Muster weh machen, dann bewegen wir uns eben mit einem hüftdominanten Muster. So einfach ist es. Für diese Schlussfolgerung benötigen wir keine speziell bezeichnete Dysfunktion.

  3. Es sollte erwähnt werden, dass prinzipiell das Erschaffen solcher bildhaften Störungsbilder, wie dem Dead-Butt-Syndrom, vielen Menschen auch geholfen werden kann. Meist führen diese nämlich zu einer Steigerung der körperlichen Aktivität, Kräftigung der Hüftgelenke, Wirbelsäule oder Beine inklusive einer Haltungs- bzw. Bewegungsmodifikation. Das ist auch alles gut und recht, aber ein klinischer Erfolg liefert eben noch lange keinen Beweis für einen zugrunde liegenden Mechanismus.

  4. Wir sollten den Behandlungsansatz von einer anderen Seite angehen. Schauen wir uns dazu folgendes Beispiel an: einer Person mit Kreuzschmerzen im Zusammenhang mit Flexion sollte gezeigt werden, wie sie oder er vorrübergehend mit weniger lumbaler Flexion heben bzw. sich bewegen kann. Das wird die Person dann dazu bringen, die Hüfte mehr zu beugen (= Hip Hinge). Dieses neue Bewegungsmuster kann in einem weiteren Schritt mit Übungen zur vermehrten Aktivierung der Glutäen und verringerten Bewegung aus der Wirbelsäule gestärkt werden. Super! Wir haben jemandem beigebracht, eine empfindliche Position zu vermeiden und sich wieder mehr zu belasten. Damit hat sie bzw. er Kontrolle über den Schmerz und gleichzeitig noch ein Bewegungsprogramm erhalten. Diese eben beschriebene klinische Herangehensweise kann hilfreich sein, gilt aber leider nicht als Beweis dafür, dass das Problem von den Glutäen kommt. Wir haben lediglich temporär eine schmerzhafte Position vermeidet und Übungen bzw. Bewegung verschrieben.

Schlusswort

Kräftigt die Hüften, wenn ihr denkt, dass es hilfreich für Gesundheit, Alltagsleben und Leistungsfähigkeit ist. Dann aber bitteschön die ganze Hüfte. In der täglichen Praxis können wir ja auch sehen, dass es einigen hilft. Jedoch sollten wir definitiv damit aufhören, Leuten davon zu erzählen wie dysfunktional oder kaputt sie sind.



Literatur

Arab AM, Ghamkhar L, Emami M, Nourbakhsh MR.Altered muscular activation during prone hip extension in women with and without low back pain. Chiropr Man Ther. 2011 Aug 14;19:18.

Caterisano A, Moss RF, Pellinger TK, Woodruff K, Lewis VC, Booth W, et al. The effect of back squat depth on the EMG activity of 4 superficial hip and thigh muscles. J Strength Cond Res. 2002 Aug;16(3):428–32.

Contreras B, Vigotsky AD, Schoenfeld BJ, Beardsley C, Cronin J. A Comparison of Gluteus Maximus, Biceps Femoris, and Vastus Lateralis Electromyography Amplitude in the Parallel, Full, and Front Squat Variations in Resistance-Trained Females. J Appl Biomech. 2016 Feb;32(1):16–22.

Dorn TW, Schache AG, Pandy MG.Muscular strategy shift in human running: dependence of running speed on hip and ankle muscle performance. J Exp Biol. 2012 Jun 1;215(Pt 11):1944–56.

Emami M, Arab AM, Ghamkhar L. The activity pattern of the lumbo-pelvic muscles during prone hip extension in athletes with and without hamstring strain injury. Int J Sports Phys Ther. 2014 May;9(3):312–9.

Lehman G. Have the butt muscles of the world gone silent? [Internet]. 2019 [cited 2019 Jul 4]. Available from: http://www.greglehman.ca/blog/2016/6/22/have-the-butt-muscles-of-the-world-gone-silent

Lehman GJ, Lennon D, Tresidder B, Rayfield B, Poschar M.Muscle recruitment patterns during the prone leg extension. BMC Musculoskelet Disord. 2004 Feb 10;5:3.

Schuermans J, Danneels L, Van Tiggelen D, Palmans T, Witvrouw E. Proximal Neuromuscular Control Protects Against Hamstring Injuries in Male Soccer Players: A Prospective Study With Electromyography Time-Series Analysis During Maximal Sprinting. Am J Sports Med. 2017a May;45(6):1315–25.

Willy RW, Bigelow MA, Kolesar A, Willson JD, Thomas JS. Knee contact forces and lower extremity support moments during running in young individuals post-partial meniscectomy. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc Off J ESSKA. 2017 Jan;25(1):115–22.

Yavuz HU, Erdag D.Kinematic and Electromyographic Activity Changes during Back Squat with Submaximal and Maximal Loading. Appl Bionics Biomech [Internet]. 2017;2017. Available from: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5435978/

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