• Hannah Bröcker

Haltung und Haltungstrainer

Aktualisiert: 25. März 2020


Die Nachfrage an sogenannten «Haltungstrainern» oder «Geradehaltern», scheint in letzter Zeit ziemlich zu wachsen. Immer häufiger fragen Patienten nach der Meinung des Physiotherapeuten ihres Vertrauens, ob sich die Anschaffung lohnt und wie man sie am besten verwendet.

Ich habe mich gefragt, ob eine Wirkung dieser Haltungstrainer schon einmal untersucht wurde und wie das Urteil dazu ausgefallen ist. Doch zunächst wollte ich noch darauf eingehen, warum man überhaupt solch ein Hilfsmittel zur Haltungsverbesserung benutzen sollte.


Was genau macht die Haltung aus?

Die Körperhaltung ist die durch das Zusammenwirken von Muskeln, Bändern und Knochen bedingte Stellung des menschlichen Körpers.Sie lässt sich als ein dynamisches Muster definieren, welches aus verschiedenen Faktoren, nämlich Reflexen, Gewohnheiten, adaptiven Reaktionen auf die Schwerkraft, abnormale Anatomie, Arbeitshaltungen und sportlichen Anforderungen gebildet wird. Die Art, wie wir sitzen, stehen und laufen, ist die stärkste Gewohnheit die wir haben. Sie ist zugleich tief mit unserer Persönlichkeit und der Kultur bzw. Religion, in der wir leben, verwurzelt. Ausserdem gibt die Haltung auch immer etwas über die persönliche Verfassung einer Person preis, wie z.B. ob man glücklich vs. traurig, mutig vs. ängstlich, antriebslos vs. verkrampft oder unterwürfig vs. dominant ist. Sie erfüllt also auch immer einen sozialen und emotionalen Zweck. So lässt sich eine aufrechte Haltung mit einem mutigen Auftreten in Verbindung bringen. Das mutige Auftreten kann wiederum, durch die Änderung des Hormonspiegels, für eine Schmerzlinderung sorgen und zu mehr Kraft verleihen (Bohns and Wiltermuth 2012).

Häufig wird eine «gute Haltung» als eine Position definiert, in der am wenigsten Stress auf Gelenke, unterstützenden Muskeln und Bänder während Bewegungen und belastenden Aktivitäten kommt.


Wie wichtig ist die Haltung und warum bzw. wann sollte man sie überhaupt verändern?

Fängt es an irgendeiner Stelle unseres Körpers an zu zwicken, so ist es ganz normal, dass wir nach Gründen dafür suchen. Die Haltung ist dabei schnell im Fokus, da sie jeder kennt und sie von aussen schnell beurteilt und gemessen werden kann. Obendrein existieren einige Mythen darüber, woran «schlechte Haltung» alles schuld sein kann. Eines der Bekanntesten ist, dass eine krumme Haltung automatisch zu Rückenschmerzen führt. Doch in wissenschaftlichen Studien konnte bislang kein signifikanter Zusammenhang zwischen Schmerzen und der Haltung bewiesen werden. «Ironically, the factors that we have historically thought to be important predictors of LBP, such as "poor" spinal posture, scoliosis, carrying school bags, joint hypermobility, and poor back muscle endurance, are not strong predictors.” (O’Sullivan et al. 2017) Stattdessen haben sichdas weibliche Geschlecht, negative Überzeugungen, Genetik,Schlafmangel, Stress, Depression, niedriger Bildungsstand, Unzufriedenheit im Job und Ganzkörpervibrationen als signifikante Risikofaktoren für Rückenschmerzen herausgestellt.

Auch bei anderen Beschwerden konnte kein Zusammenhang mit der Haltung bestätigt werden. Eine kyphotische BWS-Haltung scheint laut einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2016 kein wesentlicher Einflussfaktor für die Entwicklung von Schulterschmerzen zu sein (Barrett et al. 2016). Ebenso eine «schlechte» Haltung der HWS hängt nicht zwangsläufig mit Nackenschmerzen zusammen, sondern ist meist ein Zufallsbefund (Grob et al. 2007). Das krumme Sitzen führt nicht zwingend zu Rückenschmerzen - leidet man hingegen bereits an Rückenschmerzen, so kann das Sitzen die Schmerzen verstärken. Andersherum wird durch Schmerzen die Haltung beeinflusst(Hirata et al. 2011), was man v.a. bei arthrotischen Veränderungen an den Gelenken beobachten konnte (Bechard et al. 2012).

Eine krumme Haltung entsteht durch eine Kombination aus Schwerkrafteinwirkung und Faulheit. Es gibt hingegen Situationen, in denen unser Körper in eine belastende Haltung gezwungen wird, wie bspw. Schlafen im Flugzeug (in der Holzklasse) und nichts mit schlechter Angewohnheit zu tun hat. Falls durch diese unbequemen Haltungen Triggerpunkte in den Muskeln entstehen und diese schuld an den Schmerzen sind, so sollte man diese Haltungen möglichst vermeiden.

Hat man bislang keine Rückenschmerzen gehabt, muss man sich also nicht unbedingt Sorgen um seine Haltung machen. Anstatt sich nur auf die «richtige» Haltung zu konzentrieren ist es ratsam, so oft es geht die Position zu verändern. Ausserdem können Training, gesundheitliche Aufklärung, sowie ein aktiver und gesunder Lebensstil präventiv gegen Rückenschmerzen wirken (Hoy et al. 2010; Dorner and Crevenna 2016; O’Sullivan et al. 2017;Dillner 2018).


Wie lange und wie oft sollte man die Haltungstrainer nutzen?

Quelle: backgym.ch

Die Empfehlung eines Herstellers aus der Schweiz zur Nutzungsdauer ist nur vage formuliert, nämlich «anfänglich 30 Min. pro Tag, anschliessend beliebig» (backgym 2019). Wissenschaftliche Studien zur Nutzung (Dauer, Häufigkeit) habe ich übrigens keine gefunden.

Beim Flyer ist mir allerdings sehr negativ aufgefallen, dass potenzielle Kunden mit folgender Aussage geködert werden: «Haltungsschäden sind strukturelle Beeinträchtigungen und bewirken Veränderungen am knöchernen Bestandteilen der Wirbelsäule. Dies führt zu Haltungsdeformität.(…) Fehlstellungen der Wirbelsäule gehören zu den häufigsten Ursachen für Schmerzen im Rücken.». Solche Formulierungen führen doch vor allem zu Ängsten, welche wiederum tatsächlich zu Schmerzen führen können.


Mein Fazit

Eine gute Haltung ist dynamisch, gepaart mit viel Veränderung und Bewegung – und nicht so strikt aufrecht, wie viele Leute meinen. Der Mythos, dass eine schlechte Haltung zwangsläufig zu Rückenschmerzen führt, konnte bislang in mehreren Untersuchungen nicht bestätigt werden. «Die beste Haltung ist deine nächste Haltung» (hat anscheinend Morgan Freeman mal gesagt). Dazu gehört auch, dass wir generell möglichst viel körperliche Aktivität in unser Leben integrieren. Ob die Abweichungen der Haltung wirklich massgeblich an dem Problem der Patienten beteiligt ist, bleibt fraglich.

Wir Menschen suchen zu gerne nach einem neuen Tool, welches uns eine mühsame Option erspart (z.B. Training) und eine schnelle Lösung des Problems liefert. Einen Haltungstrainer würde ich persönlich nur denjenigen empfehlen, die bereits an Rücken- oder Schulterschmerzen leiden und eine deutliche Schmerzlinderung durch ein aufrechtes Sitzen erfahren.


Literatur

backgym. 2019. Available from: http://backgym.ch/

Barrett E, O’Keeffe M, O’Sullivan K, Lewis J, McCreesh K. Is thoracic spine posture associated with shoulder pain, range of motion and function? A systematic review. Man Ther. 2016 Dec;26:38–46.

Bechard DJ, Birmingham TB, Zecevic AA, Jones IC, Giffin JR, Jenkyn TR. Toe-out, lateral trunk lean, and pelvic obliquity during prolonged walking in patients with medial compartment knee osteoarthritis and healthy controls. Arthritis Care Res. 2012 Apr;64(4):525–32.

Bohns VK, Wiltermuth SS. It hurts when I do this (or you do that): Posture and pain tolerance. J Exp Soc Psychol. 2012 Jan 1;48(1):341–5.

Dillner L.Are you sitting comfortably: the myth of good posture. The Guardian [Internet]. 2018 Mar 5 [cited 2019 Apr 4]; Available from: https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2018/mar/05/are-you-sitting-comfortably-the-myth-of-good-posture

Dorner TE, Crevenna R. Preventive aspects regarding back pain. Wien Med Wochenschr 1946. 2016 Feb;166(1–2):15–21.

Grob D, Frauenfelder H, Mannion AF. The association between cervical spine curvature and neck pain. Eur Spine J. 2007 May;16(5):669–78.

Grundy PF, Roberts CJ.Does unequal leg length cause back pain? A case-control study. Lancet Lond Engl. 1984 Aug 4;2(8397):256–8.

Hirata RP, Ervilha UF, Arendt-Nielsen L, Graven-Nielsen T.Experimental muscle pain challenges the postural stability during quiet stance and unexpected posture perturbation. J Pain Off J Am Pain Soc. 2011 Aug;12(8):911–9.

Hoy D, Brooks P, Blyth F, Buchbinder R. The Epidemiology of low back pain. Best Pract Res Clin Rheumatol. 2010 Dec;24(6):769–81.

O’Sullivan K, O’Sullivan P, O’Sullivan L, Dankaerts W. What do physiotherapists consider to be the best sitting spinal posture? Man Ther. 2012 Oct;17(5):432–7.

O’Sullivan P, Smith A, Beales D, Straker L.Understanding Adolescent Low Back Pain From a Multidimensional Perspective: Implications for Management. J Orthop Sports Phys Ther. 2017 Oct;47(10):741–51.

Rannisto S, Okuloff A, Uitti J, Paananen M, Rannisto P-H, Malmivaara A, et al. Leg-length discrepancy is associated with low back pain among those who must stand while working. BMC Musculoskelet Disord [Internet]. 2015 May 7;16. Available from: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4433073/

Wilkes C, Kydd R, Sagar M, Broadbent E. Upright posture improves affect and fatigue in people with depressive symptoms. J Behav Ther Exp Psychiatry. 2017;54:143–9.

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