• Hannah Bröcker

Schadet Joggen unsren Knien?



Ein weit verbreitetes Gerücht lautet, dass Joggen schlecht für die Knie sei. Zu diesem Thema wollen wir uns eine kürzlich veröffentliche prospektive Kohortenstudie genauer anschauen. Die von Horga et al. durchgeführte Studie untersuchte insgesamt 164 Knie von 82 unerfahrenen Läuferinnen und Läufern (Altersdurchschnitt 44, Altersspanne 25-73 Jahre), die vor der Intervention alle symptomfrei waren und bisher keine Knieverletzung erlitten hatten. 113 Läufer/innen wurden anfangs bei der Studie aufgenommen, wovon 31 die Studie abbrachen und eine Gruppe von Teilnehmern (11 Personen) am Training, aber nicht am Marathon teilnahm und somit als eine Art Kontrollgruppe diente. Die Teilnehmer/innen der Studie sollten ein viermonatiges standardisiertes, stufenweise aufgebautes Trainingsprogramm absolvieren und anschliessend an einem Marathon teilnehmen. Sechs Monate vor und zwei Wochen nach der Intervention wurden MRT-Bilder der Knie aufgenommen, welche von zwei Radiologen geblindet und unabhängig voneinander mit einem Bewertungssystem klassifiziert wurden. Weiterhin wurden Untersuchungen zur Herz-Kreislauf-Funktion der Teilnehmer/innen (vor und nach dem Training bzw. Marathon) und eine Befragung mittels eines speziellen Fragebogens zur subjektiven Bewertung der Kniefunktion durchgeführt.

Die Ergebnisse der Untersuchung habe ich in folgender Tabelle zusammengefasst:

Es liess sich erkennen, dass das Lauftraining bei der subjektiven Bewertung und vier weiteren Parametern zu keiner Veränderung führte. Beim subchondralen Knochenmark an Ober- und Unterschenkelknochen konnte sogar eine Verbesserung festgestellt werden.

Allerdings wurden nach dem Kontroll-MRT einige Strukturen als schlechter, verglichen zur

Eingangsuntersuchung, beurteilt. Es fällt auf, dass besonders das patellofemorale Knochenmark (sozusagen die Kontaktstelle von Oberschenkelknochen zu Kniescheibe) in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ausserdem zog sich jede fünfte Person ein Iliotibiales Bandsyndrom (ITBS, auch bekannt als «Läuferknie») zu. Hierzu sollte man anmerken, dass das häufige Auftreten eines ITBS, welches wir als klassische Überlastungsverletzung beim Joggen kennen, durch die Verwendung von standardisierten Trainingsprogrammen nicht allzu verwunderlich ist. Insbesondere da es sich bei der Studie um unerfahrene Läufer/innen handelt.

Vergleicht man die Ergebnisse von Horga et al. mit anderen Studien, so sieht man, dass jene Autoren zur ähnlichen Schlussfolgerung kommen und man grundsätzlich das Joggen nicht verteufeln darf. Ein Unterschied zwischen den Studien fiel jedoch auf. Im Gegensatz zu den Ergebnissen von Horga et al. fanden andere Studien keine Verbesserungen am subchondralen Knochenmark (Schueller-Weidekamm et al. 2006; Kessler et al. 2008; Stahl et al. 2008). Die positiven Auswirkungen am Knochenmark führten sogar zu der Annahme, dass Joggen möglicherweise eine protektive Wirkung gegenüber Kniegelenksarthose hat. Basierend auf den Ergebnissen der Studien lässt sich außerdem annehmen, dass ein individualisiertes und vernünftig dosiertes Lauftraining zu keiner signifikanten Erhöhung des Verletzungsrisikos am Knie (v.a. Arthrose, Verletzungen am Sehnen-Band-Apparat, Knochen) führt. Vielmehr überwiegen die positiven Effekte für den Körper, insbesondere des kardiovaskulären Systems.


Es sollte unbedingt das Wissen verbreitet werden, dass Joggen generell nicht als schädlich für unsere Knie anzusehen ist – besonders, wenn man in der Vergangenheit noch keine

Knieverletzung erlitten hat. Man muss dazu aber unbedingt beachten, dass die Erstellung von individualisierten Trainingsplänen mit der Berücksichtigung von individuellen Faktoren und äußeren Stressoren (Stress, wenig Schlaf, ungesunde Ernährung etc.) zwingend notwendig ist. Weiterhin sollte die Belastung bei Bedarf engmaschig überwacht und gemanagt werden (siehe «Belastungsmanagement im und ausserhalb vom Sport»).


Literatur

Horga LM, Henckel J, Fotiadou A, Hirschmann A, Torlasco C, Laura AD, et al. Can marathon running improve knee damage of middle-aged adults? A prospective cohort study. BMJ Open Sport Exerc Med [Internet]. 2019 Oct 1 [cited 2019 Dec 19];5(1). Available

from: https://bmjopensem.bmj.com/content/5/1/e000586

Kessler MA, Glaser C, Tittel S, Reiser M, Imhoff AB. Recovery of the menisci and articular cartilage of runners after cessation of exercise: additional aspects of in vivo investigation based on 3-dimensional magnetic resonance imaging. Am J Sports Med. 2008 May;36(5):966–70.

Proft F, Grunke M, Reindl C, Mueller F, Kriegmair M, Leipe J, et al. The influence of long distance running on sonographic joint and tendon pathology: results from a prospective study with marathon runners. BMC Musculoskelet Disord. 2016 Jul 11;17(1):272.

Schueller-Weidekamm C, Schueller G, Uffmann M, Bader T. Does marathon running cause acute lesions of the knee? Evaluation with magnetic resonance imaging. Eur Radiol. 2006 Nov 1;16:2179–85.

Stahl R, Luke A, Ma CB, Krug R, Steinbach L, Majumdar S, et al. Prevalence of pathologic findings in asymptomatic knees of marathon runners before and after a competition in comparison with physically active subjects-a 3.0 T magnetic resonance imaging study. Skeletal Radiol. 2008 Jul;37(7):627–38.

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