• Hannah Bröcker

Schulterblattinstabilität - Ursachen und Behandlung

Aktualisiert: 6. März 2019

Das Schulterblatt ist ein wichtiger Bestandteil des Schulterkomplexes und trägt maßgeblich zur Stabilität des Schultergelenks bei. Weiterhin spielt das Schulterblatt bei Verletzungen der oberen Extremität eine wichtige Rolle, da bewiesenermassen Zusammenhänge zwischen einer Instabilität des Schulterblatts und gewissen Schulterverletzungen (z.B. Impingement, Schulterinstabilität), sowie Nackenschmerzen bestehen. Der Begriff Schulterblattinstabilität (SBI) beschreibt eine abnormale Bewegung des Schulterblatts v.a. bei Armbewegungen in Elevation (nach vorne) und Abduktion (zur Seite heben).

Das Schulterblatt erfüllt eine Brückenfunktion zwischen dem Schulterkomplex und der Halswirbelsäule. Ausserdem spielt es eine sehr wichtige Rolle bei der Kraftübersetzung der unteren Extremitäten und dem Rumpf auf den Arm. Um diese Funktion optimal erfüllen zu können, muss sich das Schulterblatt an der richtigen Position befinden und alle Muskeln sollten zur richtigen Zeit und in der richtigen Intensität aktiviert werden.


Mögliche Ursachen einer SBI

1) Fehlende Beweglichkeit der Weichteile

Besonders der M. pectoralis minor und die hintere Schultergelenkkapsel sind häufig hypomobil, was zu einer ungünstigen Stellung des Schulterblatts (=Vorwärtsneigung und Abwärtsrotation) führt.

2) Mangelhafte Muskelleistung

Hierzu zählen veränderte Muskelaktivierungsmuster, die möglicherweise eine Ursache von einem gestörten Bewegungsverhalten des Schulterblatts sein können. Wichtige Kräftepaare, die massgeblich am Bewegen und Stabilisieren des Schulterblatts während der Armbewegung beteiligt sind, bilden M. serratus anterior (SA), oberer (OT), mittlerer (MT) und unterer (UT) Anteil vom M. trapezius (Pühringer et al. 2017). Weiterhin können Schmerz, Muskelermüdung und Haltung der Brustwirbelsäule das Entstehen einer SBI negativ beeinflussen.

Fraglich ist, ob eine SBI als Folge oder Ursache von Schulter- bzw. Nackenschmerzen anzusehen ist. Folgendes Szenario skizziert eine mögliche Ursache-Folge-Beziehung: Personen mit Nackenschmerzen weisen in der Regel eine veränderte Haltung, besonders bei langem Sitzen (z.B. Büroarbeit), auf. Das gekrümmte Sitzen hat einen Einfluss auf die Stellung des Schulterblatts, die Muskelkraft und Bewegungsumfang der Schulter. Durch die Verringerung des subacromialen Raumes und die Drehpunkt-Verlagerung des Humeruskopfs in der Gelenkpfanne kommt es zu einer Störung der optimalen Schulter- und Nackenfunktion. Diese Situation führt wiederum zu ungünstigen Kompressions- und Scherkräften und zu einer Beeinträchtigung der Bewegung und Stabilität in der Halswirbelsäule (Cools et al. 2015).


Behandlung der SBI

Je nach Ursache (siehe oben) müssen entsprechende Massnahmen gewählt werden. Ein Defizit in der Beweglichkeit muss mit Dehnungen und Mobilisationstechniken behoben werden, während eine mangelhafte Muskelleistung mit einer Korrektur der Muskelaktivierungsmuster behandelt wird. Falls beide Szenarien vorliegen, so müssen beide Probleme adressiert werden. Dabei ist es zwingend notwendig zu wissen, ob die Einschränkung der Beweglichkeit primär oder sekundär entstanden ist. Man muss sich also überlegen, ob man zuerst die Beweglichkeit angehen sollte, um eine bessere muskuläre Kontrolle zu erhalten, oder eher Stabilitätsübungen den angespannten Muskel entspannen würden (Cools et al. 2014).


Zu den Massnahmen zur Verbesserung der Beweglichkeit zählen manualtherapeutische Techniken und Dehnübungen (v.a. M. pectoralis minor und hintere Schultergelenkkapsel).


Um die Muskelleistung zu verbessern, sollte man die Übungen stufenweise in 3 Phasen aufbauen.

- Zunächst sollte die bewusste Muskelkontrolle (1. Phase) der Schulterblatt umgebenden Muskulatur gefördert werden. Wichtig ist, dass die Betroffenen lernen das Schulterblatt (z.B. über den Kontaktpunkt Rabenschnabelfortsatz) nach rückenwärts zu bewegen. Die Übungen können ausserdem mit Haltungsschulung (v.a. bei Schreibtisch-Arbeitsplatz) kombiniert werden (Cools et al. 2014).

- In einem weiteren Schritt muss die Muskelkontrolle und -kraft für Alltagsaktivitäten (2.Phase) aufgebaut werden. Je nach Befund sollte eine gezielte Ansteuerung gelehrt und ein optimales Kräfteverhältnis der Schulterblatt stabilisierenden Muskulatur wiederhergestellt werden. Um eine physiologische Ausgangsstellung des Schulterblatts zu erhalten, ist eine geringe Aktivität des OT und gleichzeitig eine relativ hohe Aktivität des MT, UT und SA bedeutsam.

Das therapeutische Klettern hat sich ebenfalls als sinnvolle Methode bei SBI erwiesen. Mit Variationen der Armposition, Wandneigung und das Lösen einer Hand vom Griff kann die Belastung individuell gesteuert werden (Pühringer et al. 2017).

Betreibt der oder die Betroffene einen Überkopfsport, so sollten funktionelle, diagonale Bewegungen in Innen- und Aussenrotation mit steigender Intensität und Last, sowie korrekter scapulärer Muskelkontrolle zur Vorbereitung auf die 3. Phase implementiert werden. Hier finden einige Übungen in offener (Kibler et al. 2013) und geschlossener Kette (Cools et al. 2007) ihre Anwendung.

- In der abschliessenden Phase sollten Übungen für eine anspruchsvollere Kontrolle während sportspezifischen Bewegungen durchgeführt werden. Sobald das Muskelgleichgewicht hergestellt ist, können allgemeine Kräftigungsübungen für das Schulterblatt implementiert werden. Wichtig ist auch ein Adressieren der Muskeln der kinetischen Kette. Sportspezifische Fähigkeiten können mithilfe plyometrischer und exzentrischer Übungen für eine automatisierte Schulterblattkontrolle gefördert werden. Bei Überkopfsportlern sollten im Speziellen die Aussenrotatoren exzentrisch belastet werden (z.B. mit Gewichtsbällen oder Theraband) (Cools et al. 2014).


Literatur

Cools A, Borms D, Castelein B, Vanderstukken F, Johansson F. Evidence-based rehabilitation of athletes with glenohumeral instability. Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc Off J ESSKA. 2015 Dec 25;24. Cools A, Dewitte V, Lanszweert F, Notebaert D, Roets A, Soetens B, et al. Rehabilitation of Scapular Muscle Balance Which Exercises to Prescribe? Am J Sports Med. 2007 Nov 1;35:1744–51. Cools AMJ, Struyf F, Mey KD, Maenhout A, Castelein B, Cagnie B. Rehabilitation of scapular dyskinesis: from the office worker to the elite overhead athlete. Br J Sports Med. 2014 Apr 1;48(8):692–7. Kibler WB, Ludewig PM, McClure PW, Michener LA, Bak K, Sciascia AD. Clinical implications of scapular dyskinesis in shoulder injury: the 2013 consensus statement from the “scapular summit.”BrJSports Med.2013 Sep 1;47(14):877–85.

Pühringer M, Strutzenberger G, Holzner K, Schwameder H. Adäquate Aktivierung der Arm- und Schultermuskeln. Sportphysio. 2017 Aug;5(3):135–41.

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