• Hannah Bröcker

Therapie und Nicht-Therapie bei Frozen Shoulder bzw. adhäsiver Kapsulitis

Aktualisiert: 11. Feb 2019


Laut Definition handelt es sich bei der Frozen Shoulder (FS) um eine Erkrankung unbekannter Genese, die mit signifikanter Einschränkung von aktiver und passiver Schulterbeweglichkeit einhergeht und bei der keine intrinsischen Schäden auffindbar sind (Chan et al. 2017). Man weiss, dass es zu einer fibrösen Kontraktur der Kapsel kommt, aber nicht warum. Die FS kann in eine primäre und sekundäre Form eingeteilt werden. Die primäre ideopathische FS tritt oft im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen, wie Diabetes mellitus Typ I & II (Inzidenz bis zu 20%), Mb. Dupuytren, Schilddrüsenerkrankungen, Mb. Parkinson und dem metabolischen Syndrom auf. Sekundär kann eine FS nach langer Immobilisation oder anderen Schultererkrankungen, wie bspw. einer Rotatorenmanschettenruptur oder einem Impingementsyndrom auftreten. Als weitere Risikofaktoren kann das Alter (40-65 Jahre) und das Geschlecht (Frauen häufiger als Männer) angesehen werden (Kelley et al. 2013; Uppal et al. 2015; Chan et al. 2017). Der Bostoner Chirurg Ernest Amory Codman verwendete 1934 erstmalig den Begriff «Frozen Shoulder». Die Bezeichnung «Adhäsive Kapsulitis» wurde 1945 von Dr. Julius Neviaser eingeführt. Beide Begriffe werden heutzutage gleichermassen verwendet, wobei letzterer moderner zu sein scheint.

Die Symptome der drei bekannten Phasen lassen sich der Tabelle 1 entnehmen. Ein weiteres Merkmal bei 95% der Patienten mit FS ist übrigens ein auf Palpation schmerzempfindlicher Proc. coracoideus.

Man weiss mittlerweile, dass die betroffenen Schultern nicht alle Phasen durchlaufen müssen. Keine Studie konnte dieses 3-Phasen-Modells bisher belegen. Dagegen konnte man sehen, dass die grössten Verbesserungen in der früheren Reha-Phase geschehen, bevor es zu einem Plateau und damit zum Stillstand einer weiteren Verbesserung kommt (Wong et al. 2017; Ingraham 2018).


Zur Therapie

In wissenschaftlichen Studien wurde bisher noch keine effektive Therapie für FS gefunden, da es nicht genügend gute Studien dazu gibt. Besonders die Physiotherapie schneidet bei vielen Übersichtsarbeiten nicht gut ab und scheint als alleinige Therapieform nicht effektiv bei Patienten mit FS zu sein. Es lässt sich schliessen, dass die meisten Therapieempfehlungen in der Literatur auf Expertenmeinungen und klinischer Erfahrung basieren (siehe Tabelle 1).


Meine Recherche bezüglich weiteren physiotherapeutischen Massnahmen ergab folgendes:


1) Krafttraining kann (v.a. bei zu hoher Dosierung und in der Entzündungsphase) die Symptomatik verschlimmern. Schwache Muskeln sind auch nicht das grundsätzliche Problem bei der FS. Eine gewisse, moderate Aktivität (2-3 Mal pro Woche) könnte allerdings trotzdem helfen (Ingraham 2018; Page et al. 2014).

2) Das Dehnen stellt bei der Behandlung einer akuten FS keine hilfreiche Methode gegen die Kontrakturen dar. Vor allem in der akuten Phase sollte man unbedingt im schmerzfreien Ausmass bleiben. Später kann es sinnvoll zur Erweiterung des Bewegungsausmasses sein. Hierbei sollte man darauf achten, dass die Intensität und Frequenz langsam gesteigert werden (Harvey et al. 2017).

3) Exzentrische Übungen wurden bisher kaum untersucht, aber ihre Wirksamkeit könnte evtl. an der Neubildung von Sarkomeren (wie bei Achilles- oder Patellarsehnentendinopathien) liegen (Ingraham 2018).

4) Manuelle Therapie schneidet bei Untersuchungen v.a. beim Kurzzeiteffekt nicht gut ab und kann mit der Wirksamkeit einer Kortisonbehandlung nicht mithalten. Es ist bisher unklar, ob eine Kombi aus Manualtherapie und Übungen als eine sinnvolle Ergänzung empfohlen werden kann (Page et al. 2014).

5) Massage kann sinnvoll sein, um das Nervensystem davon zu überzeugen, dass die Schulter nicht in Gefahr ist. Zu starke Behandlungen können allerdings genau das Gegenteil bewirken (Ingraham 2018).

6) Eine Ernährungsumstellung kann bei einem möglichen Zusammenhang mit dem metabolischen Syndrom eine nützliche Massnahme sein (Ingraham 2018).

7) Wichtig in Kommunikation mit dem/der Patient/in ist eine Instruktion bzw. Aufklärung über den Verlauf, um eine Frustration möglichst gering zu halten und die Compliance vom Patienten zu erhöhen. Wichtig ist ausserdem die Information, dass die Beweglichkeit möglicherweise nicht vollständig zurückkehrt (Wong et al. 2017).

8) Weitere, nicht-physiotherapeutische Massnahmen (Manske and Prohaska 2008; Uppal et al. 2015):

- Kapselrelease via Arthroskopie (auch in Kombination mit Manipulation möglich): vielversprechende Ergebnisse in Bezug auf Erweiterung der Bewegungsradius.

- Manipulation unter Betäubung: wirksam zur Verbesserung der Bewegungsfreiheit, aber es besteht hohe Verletzungsgefahr wie Frakturen, Nervenverletzungen (Plexus brachialis), Muskelsehnen- oder Labrumrisse.

- Hydrodilation (Einspritzen von lokalem Anästhetikum, um Gelenkkapsel zu dehnen): wirksam für Erweiterung des Bewegungsradius, scheint allerdings keiner anderen Methode überlegen zu sein.

- Kortisonspritzen: kurzzeitiger schmerzlindernder Effekt,bis 3 Spritzen: gute Wirksamkeit bewiesen, 3-6: limitierte Evidenz für Wirksamkeit, > 6: fragwürdiger Effekt

- Orale Gabe von Kortison: höchstens kurzzeitiger Effekt erreichbar, allerdings gibt es auch hier Risiken und Nebenwirkungen zu beachten.


Literatur

Chan HBY, Pua PY, How CH. Physical therapy in the management of frozen shoulder. Singapore Med J. 2017 Dec;58(12):685–9.

Harvey LA, Katalinic OM, Herbert RD, et al. Stretch for the treatment and prevention of contractures. Cochrane Database Syst Rev. 2017 Jan;1:CD007455.

Ingraham P.Frozen Shoulder Guide [Internet]. www.PainScience.com. 2018 [cited 2018 Dec 13]. Available from: https://www.painscience.com/tutorials/frozen-shoulder.php

Kelley MJ, Shaffer MA, Kuhn JE, Michener LA, Seitz AL, Uhl TL, et al. Shoulder pain and mobility deficits: adhesive capsulitis. J Orthop Sports Phys Ther. 2013 May;43(5):A1-31.

Manske RC, Prohaska D. Diagnosis and management of adhesive capsulitis. Curr Rev Musculoskelet Med. 2008 May 23;1(3–4):180–9.

Page MJ, Green S, Kramer S, Johnston RV, McBain B, Chau M, et al. Manual therapy and exercise for adhesive capsulitis (frozen shoulder). Cochrane Database Syst Rev. 2014 Aug 26;(8):CD011275.

Uppal HS, Evans JP, Smith C. Frozen shoulder: A systematic review of therapeutic options. World J Orthop. 2015 Mar 18;6(2):263–8.

Wong CK, Levine WN, Deo K, Kesting RS, Mercer EA, Schram GA, et al.Natural history of frozen shoulder: fact or fiction? A systematic review. Physiotherapy. 2017 Mar;103(1):40–7.


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