• Hannah Bröcker

Update zu Diagnostik und Management von Shin Splints (Schienbeinkantensyndrom)



Hintergrund und Diagnostik

Unter dem Namen Shin Splints versteht man ein häufig beobachtetes Überlastungssyndrom bei Sportlern und Sportlerinnen. Im Laufsport sind 14-20% davon betroffen, Frauen dabei häufiger als Männer. Das Syndrom ist durch belastungsabhängige Schmerzen gekennzeichnet, welche sich entlang der postero-medialen Schienbeinkante bemerkbar machen. Der bekannte Schmerz kann durch Palpation an der postero-medialen Schienbeinkante über eine Mindestlänge von ≥ 5 cm

provoziert werden. Die genaue Ursache kann man, trotz grosser Bemühungen aus Seiten der Wissenschaft, nicht sicher benennen. Zwei potentiellen Erklärungsmodellen zufolge, entstehen die Schmerzen durch eine Fasziopathie oder eine überlastungsbedingte Stressreaktion des Knochens.

In folgendem Bild werden 7 Schritte skizziert, um Shin Splints mit Hilfe von einer Anamnese und einer körperlichen Untersuchung zu diagnostizieren:

Anhand der Symptome sind Shin Splints leicht mit Stressfrakturen zu verwechseln. Der Unterschied kann in der Regel bei der genauen Lokalisation der Schmerzen ausfindig gemacht werden. Bei Stressfrakturen sind die

Schmerzen häufig mehr im mittleren Drittel der Tibia eingrenzbar, wohingegen bei Shin Splints mehr als 5

cm schmerzhaft sind. Bei dringendem Verdacht einer Stressfraktur sollte

zur genauen Abklärung ein Knochenscan durchgeführt werden. Ein funktionelles Kompartmentsyndrom

kann eine koexistierende Pathologie sein. Das sollte bei der Prognose und Behandlung berücksichtigt werden.


Management

Die konservative Behandlung sollte sich im Wesentlichen auf drei Aspekte konzentrieren:

  • Patientenedukation

  • Erfüllung der Erwartungen des Patienten und

  • das Erstellen eines schrittweise gesteigertem Belastungsprogramms.

Die Praxis zeigt, dass Shin Splints gut und gerne 9-12 Monate andauern können. Die Gefahr eines erneuten Aufflammens der Symptome ist hoch, falls die Belastung nicht optimal gesteuert wird. Die Belastung sollte nicht mehr als 10-30% (abhängig von der anfänglichen Belastung) pro Woche gesteigert werden.


Trotz der bisher unklaren Pathophysiologie hat sich gezeigt, dass Shin Splints sehr gut auf ein schrittweise gesteigertes Belastungsprogramm reagieren. Die Therapie von Shin Splints sollte, aufgrund der aktuellen Evidenzlage, folgende Maßnahmen einschließen:

  • Eismassagen in der akuten Phase zur Schmerzlinderung

  • Belastungsmodulation: Belastung finden, bei der die Betroffenen keine bis geringe Schmerzen haben

  • schrittweise gesteigertes Belastungsprogramm der Tibia

  • Kräftigungsübungen der Plantarflexoren des OSGs

Operative Therapien, wie Fasziotomien (mit oder ohne periostales Stripping), können aus Seiten der Wissenschaft übrigens nicht empfohlen werden, da die genaue Pathophysiologie der Erkrankung noch nicht genau erklärbar gemacht worden ist. Außerdem ist die Wirksamkeit der operativen Methoden bislang nicht durch gute Evidenz bewiesen worden.

In der Physiotherapie sollte das Hauptaugenmerk auf die Patientenedukation gelegt werden. Den Betroffenen muss klar gemacht werden, dass die Heilung lange dauert. Damit können die Erwartungen des Patienten bzw. Sportlers im Rehabilitationsprozess dementsprechend gesteuert werden.


Um den Verlauf der Rehabilitation der Sportler/-innen zu verfolgen, kann man Fragebögen, wie den MTSS Score (siehe Link), verwenden. Dieser enthält Fragen zu Teilhabe von und Schmerzen bei gewissen Aktivitäten, wie Sport, Gehen und in Ruhe, die anhand einer 4-stufigen Skala beantwortet werden sollen.


Literatur

Nambiar S. The Diagnosis and Management of Medial Tibial Stress Syndrome - an Evidence Update. 2019 Aug;(21).

Winters M. The diagnosis and management of medial tibial stress syndrome : An evidence update. Unfallchirurg. 2019 May 16.

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