• Hannah Bröcker

Warum fühlen sich Muskeln eigentlich verspannt an?

Aktualisiert: 25. März 2020

Vielen Leuten und sicherlich allen Physio's kommen folgende vier Szenarien sehr bekannt vor:


a) Person mit tastbaren weichen Nackenmuskeln, die sich sehr verspannt anfühlen


b) Person mit tastbaren sehr harten Nackenmuskeln, ohne dass das der Person bewusst ist


c) Person klagt über verspannte Hamstrings, kommt jedoch bei der Vorbeuge im Stand mit den Händen bis zum Boden


d) Person kommt bei der Vorbeuge im Stand mit den Händen nur bis zu den Knien, fühlt sich aber überhaupt nicht verspannt.


Diese interessanten und gleichzeitig widersprüchlichen Beobachtungen werfen die Frage auf, was der Unterschied zwischen Personen a) und b), sowie c) und d) ist. Die Strukturen können wohl offensichtlich nicht schuld an den unterschiedlichen Wahrnehmungen sein.

Grundsätzlich lässt sich Verspannung als eine rein subjektive, unangenehme Empfindung definieren, die nicht direkt mit strukturellen Veränderungen zusammenhängt. Obwohl sich die meisten in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt fühlen, korreliert das reine Verspannungsgefühl in der Regel auch nicht mit einem messbar limitierten Bewegungsradius. Wenn es also keine strukturell nachweisbare Erklärung für die Verspannung gibt, muss demnach die subjektive Wahrnehmung vom Zentralen Nervensystem kommen. Man nimmt an, dass sie, ähnlich wie beim Schmerzempfinden, zum Frühwarnsystem des Körpers gehört und uns vor einer möglichen Schädigung schützen soll. Ähnlich wie beim Schmerz spiegelt sie nicht zwangsläufig eine strukturelle Tatsache wieder. Das soll aber auf keinen Fall heißen, dass man sich die Verspannung nur einbildet. Die Wahrnehmung ist absolut real. Man muss nur unbedingt verstehen, dass sie nicht direkt mit dem Befinden einer bestimmten Struktur wie z.B. einem Muskel zusammenhängt. Nehmen wir als Beispiel das stundenlange Sitzen auf einem Bürostuhl oder im Flugzeug. Fühlt man sich daraufhin verspannt, ist dieses Gefühl als ein Zeichen des Körpers zu interpretieren, dass man sich wieder bewegen soll. Die Gefahr stellt hier die fehlende Durchblutung dar. Ist man hingegen sehr aktiv, kann das Fehlen von adäquater Erholung Grund für das Warnzeichen des Körpers sein.

An dem Verspannungsgefühl können noch andere Dinge schuld sein und sicherlich existieren auch weitere Faktoren, von denen wir noch nichts wissen. Die wohl bekanntesten Gründe dürften Muskelkater, Muskelknoten (sog. Myofasziale Triggerpunkte) oder frühe Stadien einer Erkältung bzw. Grippe sein. Oftmals tritt eine Verspannung auch begleitend mit anderen Erkrankungen wie Arthrose, Überlastungssyndromen wie z.B. das Läuferknie und Fibromyalgie auf. Verspannungen können ebenso eine Nebenwirkung von manchen Medikamenten oder schlichtweg vom Altern sein. Eine weitere, oftmals unterschätzte Ursache stellt die Psyche dar. Wir wissen mittlerweile, dass sich unsere Laune, Haltung und Schmerzempfindung gegenseitig beeinflussen können. Hat man zum Beispiel Angst, spannen sich die Muskeln im Körper automatisch an. Wenn dieser Zustand lange und stark ausgeprägt anhält, dann kann die Anspannung für unsere Muskeln zum Dauerzustand werden.

Um das unangenehme Gefühl der Verspannung loszuwerden, gibt es verschiedene Taktiken. Generell sollte man all das machen, was sich richtig anfühlt. Um einige Beispiele zu nennen:

- Manuelle Behandlungen wie Massage oder Triggerpunkttherapie können Linderung bringen. Laut aktueller Studienlage ist unklar, ob man durch die Kompression von Muskeln deren Spannungszustand auch tatsächlich ändern kann. Bei der manuellen Therapie ist generell nicht auszuschließen, dass allein das Anfassen den größten lindernden Effekt hat. Ob Massagen direkt im Muskel die Durchblutung fördern, konnte seitens der Wissenschaft noch nicht geklärt werden, da dazu aussagekräftige Studien fehlen. Der effektivste Weg zur Förderung der Durchblutung im Muskel ist die Erhöhung des Pulsschlags und das geschieht immer noch am einfachsten durch Bewegung.

- Dehnen kann einen analgetischen und entspannenden Effekt haben. Das muss allerdings nicht bei allen der Fall sein und könnte auch genau das Gegenteil bewirken. An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Abstecher zum Thema Dehnungsgefühl, da es oft mit der Verspannung verwechselt wird. Generell soll uns das Dehnungsgefühl am Ende einer Bewegung (z.B. Seitneigung vom Kopf) davor schützen, über das Maß der aktuellen Belastbarkeit der Strukturen zu bewegen und ist somit auch ein Schutzmechanismus des Zentralen Nervensystems. Durch regelmäßiges Dehnen verbessern wir unsere Toleranz gegenüber der Dehnung, aber nicht die tatsächliche Muskellänge. Damit können wir unserem Nervensystem mit der Zeit langsam beibringen, dass der erweiterte Bewegungsradius nicht mehr als schädlich angesehen werden muss.

- Selbstmassagen mit Faszienrolle, verschieden großen Bällen oder Massagestab können ebenfalls helfen, falls es in der richtigen Dosis angewendet wird. Der Grundsatz «je stärker desto besser» kann dabei schnell das Gegenteil des beabsichtigten Effekts bewirken. Sowohl beim Dehnen als auch bei der Selbstmassage ist man sich über die Wirkungsweise nicht ganz sicher. Man geht aber davon aus, dass es eher mit der Nozizeption und weniger mit einer strukturellen Veränderung zu tun hat. Der Vorteil ist, dass beide Maßnahmen mit wenig Aufwand verbunden sind und man es ganz einfach zu Hause an sich selbst anwenden kann. Zudem ist ein positiver Effekt direkt spürbar.

- Die motorische Kontrolle zu schulen kann ebenfalls eine nützliche Maßnahme sein. In der Physiotherapie können Bewegungsmuster zugleich analysiert und korrigiert, sowie das Entspannen von gewissen Muskeln gelernt werden. Dazu gehört auch zum Beispiel die Technik beim Krafttraining.

- Bewegung, insbesondere das Krafttraining, führt auf Dauer und in der Regel zu weniger Schmerzen, mehr Beweglichkeit und größerer Widerstandsfähigkeit. Bei einigen Patienten besteht leider immer noch die fälschliche Annahme, dass man durch Training verspannter wird. Unsere Muskeln spannen sich natürlich während dem Training an (zum Glück) und fühlen sich am nächsten Tag vielleicht etwas verspannt an (Muskelkater!), aber Krafttraining lässt Muskeln nicht verkürzen und unflexibel werden. Ganz im Gegenteil – Übungen, bei denen die Gelenke im vollen Bewegungsradius bewegt werden, erweitern die Beweglichkeit. Und das möglicherweise noch wirkungsvoller als klassisches Dehnen. Training macht die Muskeln außerdem widerstandsfähiger gegenüber metabolischen Distress. Darüber hinaus konnte der körperlichen Bewegung und dem Training (in der richtigen Intensität) ein schmerzlindernder und anti-entzündlicher Effekt nachgewiesen werden. Man muss dabei unbedingt darauf achten, dass ausreichend starke Reize gesetzt und gleichzeitig der Körper nicht überlastet wird, um auf der einen Seite entsprechende Anpassungsvorgänge auszulösen und auf der anderen Seite keine Verletzungen zu riskieren.

Generell könnte man meiner Meinung nach, aufgrund des oben erwähnten Erklärungsmodells, das Verspannungsgefühl wie Schmerz behandeln. Bekanntermaßen ist das Ziel dabei, die eintretenden Informationen zum Zentralen Nervensystem wie Nozizeption, Gedanken, Gefühle, Erinnerungen etc. zu beeinflussen. In einfachen Fällen könnte es die Einnahme einer bestimmten verspannungsverstärkenden Haltung wie z.B. langes Sitzen auf dem Bürostuhl betreffen. Komplizierter wird es, wenn das Verspannungsgefühl weniger mit gewissen Aktivitäten, sondern anderen Faktoren wie bspw. Tageszeit, Schlafdauer, Stimmungszustand, Stresslevel oder Ernährung zusammenhängt. Es könnte also, ähnlich wie beim Schmerz, eine periphere oder zentrale Sensibilisierung für die Wahrnehmung verantwortlich sein. Und wie wir von chronischen Schmerzpatienten kennen, gibt es dafür keine schnelle und einfache Lösung.

Ich finde, dass wir Physio’s mit gewissen Aussagen wie z.B. «oh, du bist fühlst dich wirklich sehr verspannt an» vorsichtig umgehen sollten. Unsere Palpation ist keinesfalls objektiv und kann niemals eine Symptomatik erfühlen. Stattdessen sollten wir eher danach fragen, wie sich der Druck für die betroffene Person gerade anfühlt und ob Symptome reproduziert werden. Daraufhin ist es einerseits wichtig, Verständnis zu zeigen und andererseits sollte den Patienten unbedingt erklärt werden, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Spannungszustand der Muskeln und seiner bzw. ihrer Empfindung gibt. Der Fokus in der Therapie wird dann weg von der Struktur und hin zu einem passenden Umgang mit der unangenehmen Empfindung geführt.

«Nur das Gefühl versteht das Gefühl.» - Heinrich Heine




Literatur

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