• Hannah Bröcker

Wirksamkeit von Dry Needling in der Physiotherapie


Dry Needling wird von vielen Therapeuten zur Behandlung von myofaszialen Triggerpunkten (MTrPs) verwendet. Unter MTrPs versteht man lokale hypersensible Punkte in einem tastbaren muskulären Hartspannstrang. Aktive MTrPs führen zu spontan auftretenden Schmerzen und können bei Palpation die bekannten Schmerzen auslösen. Latente MTrPs wiederum führen zu keinen spontan auftretenden Schmerzen und sind nur bei Palpation schmerzhaft. Bislang ist der Effekt des Dry Needlings noch nicht vollständig erklärbar gemacht worden. Man geht davon aus, dass die Behandlung lokale und zentral-nervöse Antworten des Körpers auslöst, um das chemische Gleichgewicht im Gebiet um den MTrP wieder herzustellen. Eine mögliche Theorie besagt, dass durch das Dry Needling eine Hemmung der absteigenden Schmerzsysteme im Gehirn oder Rückenmark stattfindet.

Neben der schmerzlindernden Wirkung werden dem Dry Needling das Senken der Druckschmerz-Grenze (pressure pain threshold = PPT), die Vergrößerung des Bewegungsausmaßes und die Herabsetzung des Muskeltonus zugeschrieben.

Selbst durch eine Behandlung der distalen Triggerpunkte konnte eine niedrigere Druckempfindlichkeit der proximalen Triggerpunkte erreicht werden (Irnich et al. 2002; Gattie et al. 2017).


Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2017 untersuchte den Effekt einer durch eine/n PT durchgeführten Behandlung mit DN. Der Vergleich erfolgt mit Placebo bzw. anderen Behandlungsmethoden und der Effekt wurde sowohl kurz- als auch langfristig beobachtet.


1) Dry Needling versus Placebo


a) Kurzfristiger Effekt (Sofort bis zu 12 Wochen nach der Behandlung):

  • DN erschien effektiver im Vergleich zu keiner oder einer Scheinbehandlung (basierend auf niedriger bis moderater Qualität der Evidenz, insg. 17 Studien)

  • Moderater bis starker Effekt auf Schmerz (Niedrige bis moderate Qualität der Evidenz): im Durchschnitt 1.27 Punkte auf der VAS-Skala (klinisch relevant wäre ab 2.0)

  • moderater Effekt auf PPT (Sehr niedrige Qualität der Evidenz)

  • kleiner Effekt auf funktionelle Outcomes (Niedrige Qualität der Evidenz).


b) Langfristiger Effekt (6-12 Monate nach der Behandlung):

  • Der Behandlungseffekt des DN im Vergleich zu keiner oder Scheinbehandlung war zu gering und damit nicht statistisch signifikant beim Faktor Schmerz

  • Für die funktionellen Outcomes war der Effekt nur gering und von fragwürdiger Relevanz (insg. 2 Studien).


2) Dry Needling versus andere Behandlung


Vergleichsbehandlungen:

  • Übungen/Weichteiltechniken/Gelenkmobilisationen nach post-operativen Schulterschmerzen

  • Propriozeption/Kräftigung gegen Sprunggelenksschmerz bei chronischer Sprunggelenksinstabilität

  • Ischämische Kompressionstherapie bei Nackenschmerzen (insg. 4 Studien)

  • Manualtherapie durch Orthopäden mit Gelenkmobilisation der HWS u. BWS bei Nackenschmerzen

  • Aktive Dehnung bei Nackenschmerzen

  • Perkutane elektrische Nervenstimulation bei chronischen Rückenschmerzen.


Untersucht wurde nur der kurzfristige Effekt (Sofort bis zu 12 Wochen nach der Behandlung):

  • Kleiner Effekt auf Schmerzen zum Vorteil von DN gegenüber anderen Methoden (moderate Qualität der Evidenz, insg. 6 Studien)

  • Größter Behandlungseffekt nach 4 und 12 Wochen

  • moderater Effekt auf PPT (sehr niedrige Qualität der Evidenz, insg. 4 Studien)

  • kein signifikanter Effekt auf funktionelle Outcomes (sehr niedrige Qualität der Evidenz, insg. 6 Studien).


Fazit

Diese Meta-Analyse lieferte Beweise dafür, dass durch PT’s durchgeführtes DN eine effektive Behandlungsmethode bei muskuloskelettalen Schmerzen sein kann, wenn diese Therapeuten entsprechend ausgebildet sind und es bei bestimmten Patientengruppen angewendet wird. Die Wirksamkeit wurde vor allem beim Vergleich von DN gegenüber einer Placebo- bzw. Kontrollbehandlung im Hinblick auf Schmerzen,

Druckschmerzempfindlichkeit und funktionellen Outcomes (z.B. ROM, ADL’s) belegt (bis zu 12 Wochen, später nimmt Effekt ab!). In bisherigen Arbeiten schnitt die Vergleichsbehandlung (sog. Standardtherapie oder einfach eine andere Methode) beim Effekt auf Schmerzen und Druckschmerzempfindlichkeit stets besser ab, was in dieser aktuellen Arbeit nicht der Fall war. Bei der Linderung von Schmerzen und Druckschmerzempfindlichkeit war das DN der Vergleichsbehandlung überlegen, nicht aber bei den funktionellen Outcomes. Weiterhin wird ausdrücklich empfohlen, dass sobald eine Schmerzlinderung eingetreten ist, über aktive Interventionen in der PT die funktionellen Outcomes maximiert und die Einschränkung/en der Patienten reduziert werden müssen.

Es muss beachtet werden, dass die hinzu gezogenen Studien der Meta-Analyse nicht durch hohe Qualität überzeugen können und das Ergebnis daher mit Vorsicht interpretiert werden sollte.

Generell muss man bei Meta-Analysen beachten, dass oftmals Äpfel mit Birnen verglichen werden, da noch nicht ausreichend viele Studien in einer bestimmten Patientengruppe (z.B. Knie-, Nacken-, Schulterschmerzen, Schleudertrauma u.w.) vorliegen.

Weiterhin sollte berücksichtigt werden, dass der überlegene Effekt des DN nicht auf alle Probleme/Diagnosen übertragen werden kann, sondern v.a. für die in den Studien untersuchten Patientengruppen (Nackenschmerzen, post-operative Schulterschmerzen, myofasziale Schmerzen und chronische Rückenschmerzen) gelten. Es wird also noch weitere Forschung, vor allem über die Langzeiteffekte des DN, benötigt, um eine gesicherte Aussage über die Wirksamkeit des DN in der Physiotherapie treffen zu können.




Literatur

Gattie E, Cleland J, Snodgrass S. The Effectiveness of Trigger Point Dry Needling for Musculoskeletal Conditions by Physical Therapists: A Systematic Review and Meta-analysis. J Orthop Sports Phys Ther. 2017 Feb 3;47(3):133–49.

Irnich D, Behrens N, Gleditsch JM, Stör W, Schreiber MA, Schöps P, et al. Immediate effects of dry needling and acupuncture at distant points in chronic neck pain: results of a randomized, double-blind, sham-controlled crossover trial. Pain. 2002 Sep;99(1–2):83–9.



Hohe Qualität der Evidenz = zukünftige Forschung hat sehr wahrscheinlich keinen Einfluss auf den ermittelten Effekt;

Moderate Qualität der Evidenz = eher unsicheres Ergebnis, zukünftige Forschung hat wahrscheinlich einen wichtigen Einfluss auf den ermittelten Effekt und könnte den Schätzwert verändern;

Niedrige Qualität der Evidenz = sehr unsicheres Ergebnis, zukünftige Forschung hat sehr wahrscheinlich einen wichtigen Einfluss auf den geschätzten Effekts und verändert sehr wahrscheinlich den Schätzwert;

Sehr niedrige Qualität der Evidenz = jeder angenommene Effekt ist unsicher

funktionelle Outcomes = z.B. ROM, diverse Fragebögen zur Einschränkung der Teilhabe/Partizipation im Alltag, Arbeit, Hobbys etc.

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