• Hannah Bröcker

Wundheilung erklärt

Aktualisiert: 3. Nov 2020

Als Physiotherapeut/in und auch als Patient/in sollte man sich mit der Wundheilung einmal genauer auseinander setzen. Wenn wir die aktuellen Vorgänge im Körper verstehen, können wir uns entsprechend verhalten und den natürlichen Heilungsprozess optimal unterstützen.


Die Wundheilung ist ein Reparaturprozess des Körpers, bei dem das Originalgewebe durch ein Ersatz- bzw. Narbengewebe ersetzt wird. Je besser physiologische (normale) Reize auf das Gewebe während der Heilung einwirken, desto eher können normal funktionsfähiges Gewebe entstehen und Probleme mit Vernarbungen verhindert werden.



Entzündungsphase (0.-5.Tag)

Direkt nach einer Verletzung bzw. Operation werden durch die Einblutung gewisse Zellen im betroffenen Gebiet aktiviert, die dann eine lokale Entzündung auslösen. Nun werden die Gefäßwände durchlässiger, damit Entzündungszellen in das betroffene Gebiet eintreten können. Sie sollen das verletzte Gewebe abbauen und resorbieren. Im späteren Stadium der Phase werden Zellen umgewandelt und neu gebildet. Diese Art von Bindegewebszellen binden sich aneinander und siedeln sich an die Wundränder an. Dadurch können sie die Wunde etwas verkleinern und stabilisieren.

Die erste Phase ist gekennzeichnet durch die klassischen Entzündungszeichen:

  • Schmerz

  • Schwellung

  • Rötung/Hämatom

  • Erwärmung

  • Funktionseinschränkung

Wichtig ist, den Entzündungsprozess nicht zu stören, sondern positiv zu unterstützen und zu kontrollieren z.B. durch entlasten, hochlagern, kühlen, sanftes bewegen im schmerzfreien Bereich und Schmerzmedikamente.


Proliferationsphase (5.-21.Tag)

Der akute Entzündungsprozess nimmt langsam ab und sollte normalerweise nach ca. 14 Tagen beendet sein. Die Bindegewebszellen wandern vom Wundrand weiter in die Wunde hinein. Es werden laufend neue Zellen gebildet, die ein Gerüst aus Kollagenmaterial bauen, welches anfangs noch dünn und wenig belastbar ist. Mit zunehmender Zeit wird das Kollagengerüst dicker und stabiler, indem Kollagen Typ I in Kollagen Typ II umgebaut wird. Erhält das Gewebe in dieser Zeit physiologische Belastungsreize, so entsteht gutes und funktionelles Ersatzgewebe. Wird die Schmerzgrenze allerdings ignoriert und das betroffene Gewebe andauernd zu sehr belastet, kann es ständig zu neuen Schädigungen und damit zu einem Rückschritt in die Entzündungsphase kommen.

Da die Zellen für den Gerüstbau eine gute Versorgung mit Nähr- und Baustoffen sowie ein gutes Sauerstoffangebot benötigen, ist in dieser Phase die Durchblutungsförderung wichtig. Dazu eignen sich folgende passive und aktive Maßnahmen: Hochlagerung, Lymphdrainage, passives Durchbewegen und aktive Bewegungsübungen im schmerzfreien Bereich.


Umbauphase (21.-360.Tag)

Das entstandene Gerüst wird durch neu gebildetes Kollagen immer stabiler und dicker. Daher kann die Belastung auf das Gewebe nun schrittweise erhöht werden. Belastung ist wichtig, damit das neue Gewebe optimal organisiert wird und später seine normale Belastbarkeit erreicht. Kann in dieser Phase nur wenig belastet werden (z.B. durch längere Immobilisation nach bestimmten Operationen oder Knochenbrüchen), können sich sogenannte Crosslinks im Bindegewebe bilden, die die Bewegungsfreiheit einschränken. Um das zu verhindern, sollten Gelenke, Muskeln und Faszien regelmässig und möglichst umfänglich bewegt werden. Denn ein Nicht-bewegen signalisiert dem Körper, dass der nicht genutzte Bewegungsspielraum nicht mehr benötigt wird. Übermäßige Belastung kann hingegen zu einer Überbelastung und damit zu Schädigungen führen. Um dies zu verhindern, sollte man unbedingt auf Schmerzen hören. Sie dienen als wichtiges Warnsignal des Körpers, wo das momentane Limit der Belastbarkeit liegt.


Die Heilung verschiedener Gewebe (z.B. Muskeln, Sehnen, Bänder, Knochen, Menisken, Bandscheiben) läuft vergleichbar, nämlich durch alle drei oben genannten Stadien, ab. Manchmal unterscheidet sich die Dauer der einzelnen Phasen etwas und hängt davon ab, wie gut die Struktur an der verletzten Stelle durchblutet ist.



Zusätzlich kann man den Heilungsprozess von außen positiv beeinflussen, indem man Stress reduziert, auf Rauchen und Alkohol verzichtet und auf die Ernährung achtet (v.a. viele Vitamine, Mineralien, Spurenelemente, Eiweiß, wenig Zucker).









Literatur

Van den Berg, F. (2016) Angewandte Physiologie. Band 1 Das Bindegewebe des Bewegungsapparates verstehen und beeinflussen. 4. Auflage. Stuttgart: Thieme

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